Your Workout is complete


Laufen war mir immer ein Graus. Schon in der Schule. Kurzstrecke bis 100 m war gerade noch ok, aber alles, was irgendwie Dauerlauf hieß, war öde, ätzend, fad und mopsig. Wir mussten in der Schule um den Thielenburger See laufen. 2,1 km. Ich hab es gehasst. Es wurde immer ein Spaziergang mit Blumenpflücken daraus. Fragt nicht nach der Zeit … Später hab ich es noch ein paar mal versucht. Um ein paar Kilo abzunehmen war Ausdauersport das Mittel der Wahl. Und ich habe es wieder gehasst, jedes Mal, habe Kopfschmerzen und Blasen bekommen und bin auf verschiedenen wunderschönen Strecken um irgendwelche Gewässer gestolpert, auf der Suche nach meiner Zulänglichkeit, überholt von gazellengleichen Wunderwesen, die jede Strecke mir einer Leichtigkeit … ach, lassen wir das, ihr wisst, wen ich meine.

Seit Ostern 2015 laufe ich nun also. Und es macht mir Spaß. Was hat sich geändert? Eine wichtige Sache: ich sehe das Laufen nicht mehr als Sport, sondern vielmehr als Meditation. Ich mache es ein paar Minuten. Es ist langweilig. Ich mache es noch ein paar weitere Minuten. Es ist noch immer langweilig. Ich mache es noch ein paar Minuten. Es ist nicht mehr langweilig. Es läuft mich. Es passiert von allein. Das ist wunderbar, klappt nicht jedes Mal, aber gelegentlich. Das ist das Eine. Das Andere: die „Trainingspläne“ die im Internet für Anfänger kursieren … nun. Ich benutze inzwischen die App C210K (Couch to 10 km), weil die einen Trainingsplan anbietet, der mich fordert, aber nicht überfordert. Die beginnt nämlich mit 60 Sekunden laufen und 90 Sekunden walken im Wechsel und erwartet von einem nicht, dass man erstmal zwei Minuten durchgehend rennt, um dann eine Minute zu gehen und sich auf einen gesunden Puls herunterzujapsen. Ich höre während der Trainingseinheiten meine Musik, bekomme einen aufmunternden Hinweis, wenn ich die Hälfte geschafft habe, und am Ende verkündet die App mit einem Hauch Überraschung in der Stimme – als hätte sie auch nicht mehr damit gerechnet, ebenso wie ich: „Your Workout is complete!“

Aber wenn der sportliche Aspekt nicht im Vordergrund steht, warum laufe ich dann Volksläufe? Das mache ich nämlich, mein erster Lauf war der Women’s Run über 5 km im Sommer 2015, und seitdem sind einige dazugekommen, zuletzt am Wochenende der Arriba Stadtlauf in Norderstedt. Das sind doch Wettläufe, oder nicht? Ja, im Prinzip schon. Aber. Ich mache das erstens, weil es Spaß macht, etwas zusammen mit Gleichgesinnten zu tun, egal, was die Motivation des Einzelnen dafür ist. Wir waren 790 Starter beim 5 km-Lauf an diesem Wochenende, es hat aus Eimern geschüttet und wir waren vor dem Start schon klatschnass. Und dennoch war die Stimmung super. Hinzu kommt, dass ich eher langsam unterwegs bin. Ich bin am Wochenende 21. von 36 in meiner Altersklasse geworden, also entspanntes hinteres Drittel. Da mache ich mir keine Gedanken darüber, ob die Frau, die mich gerade überholt, mich vielleicht auf den zweiten Platz verweist. Das ist recht weit weg. Und der zweite Aspekt: Mein Ding machen. Mein Tempo laufen, obwohl ich überholt werde, von mir aus auch von Frauen, die älter sind als ich. „Aber ich muss doch schneller sein als die!“ Nein, muss ich nicht. Ich muss meinen Weg finden. Mich nicht von anderen irritieren lassen. Ich bin üblicherweise total glücklich, wenn ich ins Ziel laufe. Egal bei welchem Wetter, egal nach welcher Zeit. Natürlich freue ich mich über eine Steigerung. Aber ich vergleiche mich nicht mit anderen, sondern nur mit mir selbst. Und wenn dann auch noch jemand da ist, der einen anlächelt und einem eine Medaille umhängt – perfekt.

Von einer, die auszog, das Weißwurstmachen zu lernen – fünf Tage Regensburg

Regensburg, so habe ich gelernt, ist die nördlichste Stadt Italiens. Allerdings ist in Italien auch manchmal Mistwetter, und so bin ich, als ich am Mittwoch in meinem Hotel ankomme, klatschnass. Regensburg macht dem ersten Teil seines Namens Ehre.

Ich habe ein Zimmer im Hotel David gebucht, in der Nähe des Tagungshotels, in dem ich viel Zeit verbringen werde. Im Tagungshotel selbst habe ich nichts mehr bekommen. Das Hotel David ist eine denkmalgeschützte ehemalige Kapelle, es gibt keinen Aufzug und kaum eine gerade Wand. Die Wände sind grob verputzt, der Boden uneben und die Dusche ist eine Badewanne mit Löwenfüßen, und vom Fenster habe ich einen Blick auf die Donau und auf das Tagungshotel. So weit schon mal ziemlich gut. Ich lege mich notdürftig trocken und mache mich auf dem Weg zum Tagungsbüro.

Der Anlass meiner Regensburg-Reise ist das Jahrestreffen von Mensa Deutschland. Rund um die jährliche Mitgliederversammlung, die jedes Jahr in einer anderen Stadt stattfindet, hat das lokale Orgateam ein buntes Rahmenprogramm zusammengestellt. Ich bin dieses Jahr zum ersten Mal dabei und einigermaßen aufgeregt. Im Tagungsbüro, meiner ersten Anlaufstelle, bekomme ich Coupons für meine im Vorfeld gebuchten Veranstaltungen – ich werde unter anderem einen Weißwurstworkshop besuchen, Schafkopf spielen lernen, mehreren Vorträgen lauschen und einen Ausflug zum Hundertwasserturm in Abensberg unternehmen -, ein Ticket für den RVV (das ich eigentlich nicht brauche, denn in Regensburg ist, wie sich herausstellen wird, alles sehr gut zu Fuß erreichbar), Infomaterial und mein Namensschild an einem roten Schlüsselband mit Mensa-Emblem, das mir in den folgenden Tagen viele spannende Gespräche und konspirative Lächeln einbringen wird.

Vom Tagungsbüro geht es im gestreckten Galopp – ich bin spät dran – zum ersten Termin, einem Kaffeeklatsch für Neulinge beim Jahrestreffen (oder JT, Mensaner sind Abkürzungsfans). Da es mein erstes Jahrestreffen ist, nehme ich die Gelegenheit, alten Hasen Fragen zu stellen, gern wahr. Zum Beispiel: Wie streng ist der Dresscode beim Galadiner? Könnte man da, sagen wir, im Dirndl auftauchen? Ich lerne: Tracht geht in Bayern immer. Gut. Ich besitze zwar kein Dirndl, bin aber mit dem festen Vorsatz hergekommen, das zu ändern. Und dann kann ich es gleich einweihen. Abends sind jeweils Stammtische angesetzt, am ersten Abend bin ich dabei, führe tolle, vielseitige Gespräche mit vielen Menschen, schaue zu, wie Dortmund die Bayern aus dem Pokal wirft und treffe einen Nachbarn, der im echten Leben zwei Hauseingänge neben mir wohnt. Die Welt ist ein Dorf. Ich falle deutlich später als geplant glücklich in mein Hotelbett.

Der nächste Tag beginnt mit einer alternativen Stadtführung mit dem Titel „Mein Selfie aus einem unbekannten Regensburg“. Wir werden durch Regensburgs schmalste Gasse geführt, bekommen die beste Stelle für ein Foto vorm Schloss gezeigt und besuchen den Milchpilz (ein Café in der Form eines Fliegenpilzes) und ein Parkhaus, das die alte Stadtmauer integriert. Ich präge mir alles so gut es geht ein, um am Wochenende bei schönerem Wetter wiederzukommen. Denn eine Fototour bei Regenwetter ist jetzt nicht wirklich sinnvoll – die Fotos in diesem Eintrag sind fast alle vom Wochenende, denn bis Freitag Nachmittag wird es gnadenlos weiterschütten.

Mein erster Vortrag trägt den Titel „Gedanken eines Autisten: allein oder einsam?“ Der Referent Werner Kelnhofer weiß seit zehn Jahren (er ist 65 Jahre alt), dass er Asperger hat. Er berichtet mal ernst, mal unterhaltsam aus seinem Allltag und beantwortet sehr offen alle unsere Fragen. Ich nehme aus diesem Vortrag sehr viel mit, auch und gerade persönliches.

Die fast dreistündige Pause vor der nächsten Veranstaltung nutze ich für die Mission Dirndlkauf. Ich liebäugle schon länger mit einem Dirndl, Nordlicht hin oder her, und habe mir im Vorfeld den Laden Wirkes Dirndl Trachten & Ledermoden ausgesucht. Denn wenn ich mir so ein Kleid kaufe, dann natürlich vor Ort und unter fachkundiger Beratung – ich hab schließlich keine Ahnung, wie so etwas sitzen muss. Am Ende ist es aber doch viel einfacher als erwartet, gleich das erste passt und gefällt mir supergut. Ich mag die vielen kleinen Details – hier noch eine Paspel, da noch eine Spitze, Herzchen am Reißverschlussgreifer, so Dinge halt. Und für die volle Dröhnung bayrischer Kultur gibt es im Anschluss den Schafkopf-Workshop für Anfänger im Hofbräuhaus. Ich stelle fest, dass meine Doppelkopfkenntnisse mir nützen, und die zwei Stunden in lustiger Runde vergehen wie im Flug.

Der letzte Termin des Tages ist dann ein Besuch der Sternwarte Regensburg, und hier überlege ich das erste Mal, ob ich nicht schwänzen soll … aufgrund des Wetters können wir nicht auf die Plattform – es ist zu glatt und man würde ohnehin nichts sehen. Es gibt also einen zweieinhalbstündigen Vortrag über Kosmologie. Im Dunkeln. Abends um neun. Nach einem üppigen Essen. Die anschließende Führung durch die Räume halte ich sehr kurz und mache mich aus dem Staub.

Der Freitag beginnt aufgrund eines abgeschalteten Weckers zu spät und demzufolge mit einem Kaltstart, ich schaffe es aber noch rechtzeitig zum WeißWurstWorkshop in den Ratskeller. Unter fachkundiger Anleitung und mit sehr viel Spaß bereiten wir acht Kilo Wurstbrät zu, jeder bekommt eine Aufgabe – meine ist das Abreiben der Schale von drei Zitronen. Ja, in Weißwurst kommt Zitronenschale. Und Zwiebeln. Und Petersilie. Und die geheime Gewürzmischung. Und kein Hirn, auch wenn das gern behauptet wird. Ich vermute, das liegt an der Farbe. Da kein Nitritpökelsalz verwendet wird, das den Muskelfarbstoff Myoglobin erhält, ist die Weißwurst eben gräulich-weiß und nicht rosa. Man darf die Weißwurst übrigens auch längt schneiden und das Brät aus der Pelle holen (die aus Schweinedarm besteht, der dicker ist als die für andere Würstchen üblichen Schafsdärme und daher nicht mitgegessen wird), man muss nicht zuzeln, also die Wurst in die Hand nehmen und das Brät mit den Zähnen aus der Pelle ziehen. Das geht ohnehin nur mit frischer Weißwurst richtig gut, und nachdem die ersten drei bis vier Zentimeter gegessen sind, wird es, wie ich finde, anstrengend. Dazu gibt es klassisch Brezn, Weißbier und süßen Senf. Ich muss noch Zubehör für meine Küchenmaschine besorgen, dann kann es losgehen mit der heimischen Weißwurstproduktion.

Gut gestärkt mache ich mich anschließend auf den Weg ins Tagungshotel zu meinem nächsten Vortrag mit dem Titel „Hoffentlich merkt´s bloß keiner …“ Ute Gietzen-Wieland spricht über das Impostor-Phänomen oder Hochstapler-Syndrom, ein kurzweiliger Vortrag mit reichlich Beispielen aus ihrer Coaching-Praxis und am Ende auch einigen Tipps für Betroffene. Beim Hochstapler-Syndrom geht es kurz gesagt darum, dass eigene Erfolge äußeren Faktoren zugeschrieben werden (Glück gehabt/der Lehrer mochte mich/war ja gar nicht so schwer etc.), die Gründe für eigenes Scheitern hingegen in einem selbst gesehen werden (ich bin zu dumm/untalentiert/schlecht vorbereitet) Dieses Phänomen trifft besonders häufig Minderheiten, zu denen unter anderem späterkannte Hochbegabte gehören. Auf die eingangs gestellte Frage, wie viele der Zuhörenden von ihrer Hochbegabung erst im Erwachsenenalter erfahren haben, gehen fast alle Arme nach oben, und während des Vortrags höre ich aus den Reihen immer wieder zustimmendes Raunen, ertapptes Lachen, und ich beobachte mich selbst dabei, wie ich ein ums andere mal heftig nicke. Ich habe später an diesem Tag noch die Gelegenheit, mich länger mit der Referentin zu unterhalten.

Die Gespräche, die ich hier führen darf, sind ohnehin der Wahnsinn. Ich habe noch nie so viele Menschen getroffen, mit denen ich so auf einer Wellenlänge bin. Ich breche das Gespräch also eher widerwillig ab, denn ich muss zur Erlebnisführung: Mit dem Nachtwächter unterwegs, leider auch wieder bei Nieselregen. Davon abgesehen ist die Führung wirklich kurzweilig. Wir schreiben das Jahr 1636, in dem der Kaiser seinen Sohn in Regensburg zum König krönen lassen wird. Dafür braucht die Nachtwache Verstärkung – und wir sind die Rekruten. Die 90 Minuten vergehen schnell. Wenn nur der Regen nicht wär … ich setze mich zum Trocknen und auf einen Wein in die Lounge des Hotels.

Am Samstag sehe ich beim Frühstück zum ersten Mal Sonne. Ich beschließe kurzerhand, die mit fünf Stunden angesetzte Mitgliederversammlung zu schwänzen und erkunde auf eigene Faust die Stadt. Am frühen Abend muss ich im Kolpinghaus sein, zur Verleihung des Deutschen IQ-Preises und dem anschließenden Galadinner. Da will ich auch das neue Dirndl einweihen! Ich falle damit überhaupt nicht auf und fühle mich sehr wohl. Irritierte Blicke gibt es erst, wenn ich im Gespräch erwähne, dass ich aus Norddeutschland komme. So einfach ist das mit den Schubladen.

Der Abend wird lang, die IQ-Preis-Verleihung beginnt eine halbe Stunde zu spät, was aber alle Anwesenden mit Fassung tragen. Es werden zwei Preise vergeben, in der Kategorie Intelligenz zum Wohle der Allgemeinheit nutzen gewinnt das Projekt One Dollar Glasses, das eine Brille entwickelt hat, die für sehr wenig Geld und ohne Strom in armen Ländern hergestellt werden kann und die sich die Leute dort für zwei bis drei Tageslöhne leisten können. In der Kategorie Intelligente Vermittlung von Wissen gewinnt ScienceLab, eine Organisation, die Kinder zum Forschen anregt. Beide Organisationen stellen ihre Projekte kurz vor, und besonderes gut gefällt mir die Vertreterin von ScienceLab, sie hat nämlich zwei kleine Experimente dabei und lädt den ganzen Saal zum Mitforschen ein. Beim anschließenden Galadinner sind die Pausen zwischen den Gängen sehr lang. Ich unterhalte mich gut, obwohl ich auch hier niemanden kenne, und es kommt mir gar nicht so lang vor, so dass ich staune, dass es wirklich schon halb zwei ist, als ich das Licht ausmache.

Am Sonntag strahlt die Sonne von einem knallblauen Himmel. Ich bin sehr froh, dass ich mir für die Besichtigung des Hundertwasserturms in Abensberg diesen Termin ausgesucht habe. Wir fahren gut eine Stunde mit dem Bus und werden vor Ort erst durch die Brauerei geführt, bevor wir – nach einen etwas seltsamen Exkurs über den Schlüssel zur Interpretation von Da Vincis Bild Das Abendmahl und noch seltsamerer Begegnung mit ein paar Gartenzwergen, für die der Hundertwasser der Legende nach den Turm gebaut hat – vom 35 m hohen Hundertwasserturm einen fantastischen Blick über die Landschaft und anschließend ein Weißbier im angeschlossenen Biergarten genießen können. Lange verweilen können wir nicht, obwohl das Wetter dazu einlädt, denn der Bus wartet schon, und da wir noch zwei andere Gruppen einsammeln müssen, bevor wir wieder in Regensburg sind, sitzen wir bei schönstem Wetter fast zwei Stunden im Bus. Aber wenigstens die Landschaft, die am Fenster vorbeizieht, ist sehenswert. Zum letzten Stammtisch am Sonntag, dem Nachbrenner, sind dann nicht mehr ganz so viele Leute da, viele sind schon abgereist. Es ist trotzdem eine nette Runde und ein schöner Abschluss. 2018 ist das Jahrestreffen in Aachen. Ich werde wieder dabei sein.

Links:

Fantasy Filmfest Nights – Sonntag

13:00 ALONE
Und plötzlich ist Leila ganz allein und die 500.000-Einwohner-Stadt, in der sie lebt, sieht wie Hals über Kopf verlassen aus. Sie trifft nach einiger Zeit auf weitere Jugendliche, die alle die gleiche Geschichte erzählen: sie sind früh morgens aufgewacht und alle waren weg. Ich bin völlig geflasht aus diesem Film gekommen und weiß gar nicht, wo ich anfangen soll zu loben. Der Cast ist toll, die Bilder sind großartig, die Geschichte ist fesselnd und die Figuren und die Freundschaft, die zwischen ihnen entsteht … und ich hab mich die ganze zeit gefragt, wie die Auflösung sein würde, ich hatte keine Idee, und dann fallen die Puzzlesteine doch alle an ihren Platz. Hier passt alles. Die anderen Filme werden es heute schwer haben, das noch zu toppen • mehr auf fantasyfilmfest.com 

15:00 BERLIN SYNDROME
Die Australierin Clare, als Backpackerin in Berlin, findet nach einem One-Night-Stand mit dem charmanten Lehrer Andi am nächsten Morgen dessen Wohnungstür mit einem Stahlriegel versperrt vor. Er hat sie eingeschlossen. Anfangs hält sie das noch für ein Versehen, aber schon bald stellt sich heraus, dass es keines war. Andi, gespielt von Max Riemelt, hat beschlossen, dass sie jetzt ihm gehört. Max Riemelt ist mir zuerst in Sense8 aufgefallen. Er gibt hier den kontrollbesessenen Psychopathen mit einer Intensität, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Die Bilder und der Soundtrack tun ein übriges. Mir ist der Film mit knapp zwei Stunden ein bisschen lang geraten, hat mir aber über weite Strecken sehr gut gefallen. • mehr auf fantasyfilmfest.com 

17:30 THE LIMEHOUSE GOLEM
Und vom Berlin des 21. Jahrhunderts geht es ins London des späten 19. Jahrhunderts, wo ein Serienkiller sein Unwesen treibt. Opulent ausgestattet und mit einer tollen weiblichen Hauptrolle…. und leider sehr schwer verständlichem Englisch. Den Plot hab ich wohl verstanden, aber mir werden einige Feinheiten entgangen sein. Umso mehr freut es mich, dass dieser Film am 7. September in die deutschen Kinos kommt. • mehr auf fantasyfilmfest.com

19:45 THE BELKO EXPERIMENT
Mit den Worten „Willkommen zum abgefuckten Bürofilm von James Gunn“ wurde uns diese Perle von einem Blutbad anmoderiert. Der ganz normale Officewahnsinn trifft hier auf den aus der Psychologie bekannten Weichenstellerfall, allerdings multipliziert mit dreißig. Ein leidenschaftliches Plädoyer für das Homeoffice! • mehr auf fantasyfilmfest.com

21:45 THE BAR
Bei Alex de la Iglesia wird Hysterie zur Kunstform, und er wartet auch diesmal mit schrägen Figuren, absurder Komik und ekligen Details auf. Genau wie erwartet und ein würdiger Rausschmeißer Nach diesem Film hätte man gern Erfrischungstücher reichen dürfen. Das war’s mit den Fantasy Filmfest Nights für dieses Jahr. I’ll be back (<- bitte mit österreichischem Akzent lesen) • mehr auf fantasyfilmfest.com

Fantasy Filmfest Nights – Samstag


Dieses Jahr bin ich mal wieder dabei, und das auch gleich mit Dauerkarte. Zehn Filme werden gezeigt, alle nacheinander und nicht mehr parallel, so wie es in den letzten Jahren üblich ist und im Savoy-Kino auch gar nicht anders geht, denn die haben nur einen Saal. Das Kino ist toll, die Sitze bequem, das Foyer, in dem ich mich die Viertel- bis halbe Stunde zwischen den Filmen aufgehalten habe, gemütlich. Die Lage am Steindamm … nun. Nicht so schön. Aber dafür ist hoffentlich die Miete günstig. Ich war gestern doch ein bisschen überrascht, wie schlecht das Festival besucht ist.
Kommen wir zu den Filmen. Eine ausführliche Rezension kann und will ich hier gar nicht bieten, da gibt es genug Leute, die das besser können als ich. Ich schildere hier nur knapp meine Eindrücke, so, wie sie zwischen zwei Filmen aus mir herausfallen.

14:00 PET
Seth begegnet auf dem Heimweg von seiner Schicht im Tierheim Holly, seinem Highschool-Schwarm von früher. Er versucht, ein Date zu kriegen, kassiert eine Abfuhr, findet raus, wo sie wohnt, entführt sie und sperrt sie im Keller des Tierheims in einen Käfig. Soweit keine sonderlich überraschende Eröffnung, sozusagen „Bauer auf E 4“. Dann entspinnt sich zwischen den beiden ein fesselndes Psychospiel, dessen Verlauf ich so nicht erwartet hätte. Die beiden Hauptdarsteller spielen hervorragend zusammen die Dialoge sind auf den Punkt, hier stimmt alles. Besonders Ksenia Solo als Holly hat mir sehr gut gefallen. Empfehlung • mehr auf fantasyfilmfest.com

16:00 SWEET, SWEET LONELY GIRL
Schwer, Worte dazu zu finden, diesen Film muss ich wirklich noch ein bisschen sacken lassen. Die Stimmung hat mir gefallen, und der Regisseur sagte im anschließenden Q&A, dass die Stimmung auch das ist,worauf es ihm bei seiner Arbeit ankäme. Also dass der Plot hinter der Stimmung zurücksteht. Manche Leute mögen das nicht, er schon. Ich auch. Und wieder eine tolle weibliche Hauptrolle. Jetzt geht es weiter mit Vampirklamauk. Ich hätte gern noch ein halbes Stündchen Pause zum Nachsinnen, aber das gibt der Zeitplan nicht her. Schade. • mehr auf fantasyfilmfest.com

18:00 EAT LOCAL
Ich weiß nicht, woran es genau lag, aber leider hat dieser Film für mich nicht so recht gezündet. Und da – abgsehen von ein paar vereinzelten Lachern – keine Partystimmung im Kino aufkommen wollte, ging es wohl nicht nur mir so. Der Titel (auf dem Plakat am Ende mit einem blutig hingesplatterten S komplettiert) ist drollig, hat aber mit dem Inhalt im Grunde nichts zu tun. Die Figuren sind lustig, bleiben aber insgesamt zu flach (auch hier gibt es drei starke Frauenrollen, insgesamt scheint heute der Frauentag des Festivals zu sein). Dennoch: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer und eine nette weißhaarige Dame mit Automatikwaffe noch keinen gelungenen Klamaukfilm. Die Handlung ist gerade eben rudimentär vorhanden. Es ist ein Stückwerk aus Ideen, das nicht so recht zusammenpassen mag. Und wenn jemand in der Beschreibung den britischen Humor lobt, hängt das meine Erwartungslatte ziemlich hoch. Einige Filme konnten die in den letzten Jahren auch reißen (Sightseers und Cockneys vs. Zombies fallen mir aus dem Stand ein, oder auch sämtliche Filme mit Simon Pegg) – dieser leider nicht. • mehr auf fantasyfilmfest.com

Ich habe jetzt eine willkommene Pause bis 20.15h, dann geht es mit Zombieapokalypse weiter. Bis dahin werde ich noch auf Sweet, Sweet Lonely Girl herumdenken.

20:15 IT STAINS THE SANDS RED
Endlich ein bisschen Partystimmung! Diesen Film trägt eine fantastische Brittany Allen, und zwar ganz allein. Stockholm Syndrome with a twist. Und Tamponwerbung. Mehr wird aber nicht verraten. Der Film ist ihr von den Vicious Brothers auf den Leib geschrieben worden, und die wussten, warum. Ich jetzt auch. Empfehlung!  • mehr auf fantasyfilmfest.com

22:30 GOING TO BRAZIL
Hier habe ich nach einer halben Stunde abgebrochen, also nach der Sexparty mit Todesfall und vor der Hochzeit bzw. dem bis an die Zähne bewaffnet im Bikini um die Häuser ziehen. Ich war von vornherein unschlüssig, ob mich dieser Film wirklich interessiert, aber mit einer Dauerkarte kann man ja mal gucken. Hab geguckt. Hat nicht gezündet. Zudem haben die Tatsache, dass es sich um eine französische Originalfassung mit englischen Untertiteln handelte sowie die Aussicht, nach Filmende 30 min auf die nächste U-Bahn warten zu müssen, die Entscheidung erleichtert: ab nach Hause. Heute geht’s weiter.  • mehr auf fantasyfilmfest.com

Konfetti geht nicht in Saal 1

Vom 27. bis zum 30.12. fand auch dieses Jahr wieder der Chaos Communication Congress im Hamburg CCH statt, der 33. insgesamt, der zweite für mich.

Die Tickets waren schwer zu bekommen, der Verkauf auf drei Tage limitiert. Das Kartenkontingent für den ersten Verkaufstag war innerhalb einer Viertelstunde weg, und an den anderen beiden Tagen war es wohl nicht besser. Ich habe trotzdem eines bekommen – der Wollmeise-Shop zu schlimmsten Hype-Zeiten war eine harte, aber gute Schule – und obendrein habe ich kurzfristig Urlaub für die Tage bekommen. Yay!

Wenn ich meine Erfahrungen in diesen vier Tagen in ein Wort fassen soll, dann ist es „überwältigend“. Überall gab es etwas zu gucken, und damit meine ich nicht nur die Vorträge in den Sälen. Von denen habe ich tatsächlich wenige live gesehen, denn die gibt es alle auf media.ccc.de als Aufzeichnung. Ich war viel im Sendezentrum bei den Podcastern. Habe Toby vom Realitätsabgleich bzw. dem Einschlafen Podcast Norderstedter Bier vorbeigebracht. Habe Moni und Chris und Damned Snob getroffen. Und ehemalige Kollegen. Und Thomas aus Wien. Hab meine Jahresration an Mate zu mir genommen, am letzten Tag tatsächlich in Form von Tschunk Slush bei den Jungs vom RaumZeitLabor – an den anderen Tagen war der entweder alle oder noch nicht fertig. Leider habe ich auch diesmal weder ein Schloss geknackt noch löten gelernt – die Lockpicking-Workshops waren ausgebucht und das Löten hat zeitlich auch nicht gepasst. Und ich hatte mir wieder viel zu viel vorgenommen. Und bin teilweise durchs CCH gestolpert und habe mich gefragt, was ich eigentlich hier mache – ich kleines Licht. „Auf der Suche nach der eigenen Zulänglichkeit“, wie Moni es so treffend formulierte. Ich glaube, es ging dort vielen so.

„Konfetti geht nicht in Saal 1“ ist übrigens ein Zitat aus der Closing Ceremony mit Nicolas Wöhrl and Reinhard Remfort, deren Methodisch Inkorrekt Livesendung für mich zu den Highlights der Veranstaltung gehörte. Hier sind ein paar Eindrücke. Dieses Jahr gern wieder, vorausgesetzt, es findet in Hamburg statt.

Wollmarkt

wollmarktbeute
Am Wochenende war ich, wie ich im letzten Eintrag schon erwähnte, in München. Anlass und Ziel war ein Besuch des Wollmarkts in Vaterstetten, verbunden mit einem Treffen mit Ravelry-Buddies aus dem süddeutschen Raum. Und was dann an Aktivitäten drumherum noch geht, wollte ich vor Ort sehen. Kurz hatte ich überlegt, auch noch bei der Wollmeise vorbeizuschauen, deren Laden an diesem Wochenende geöffnet war, aber das schien mir bereits beim ersten groben Überschlagen der S-Bahn-Fahrtzeiten ein bisschen viel zu werden. Also fiel die Entscheidung: nur Wollmarkt. Und das war eine gute Idee. Ich konnte in Ruhe über den Markt stöbern und mich mit Ausstellern unterhalten. Ich habe nur die geplante Wolle gekauft und den einen oder anderen handgefärbten Strang, der versucht hat, sich an meiner Tasche festzuklammern, tapfer wieder weggelegt.

Geplant war eine Menge Cheeky Merino Joy von Rosy Green Wool, die für eine Jacke reicht, und Material für ein Tuch. Ich wollte explizit Rosy Green Wool, nachdem ich ein Interview mit Rosy im Podcast der nahlinse gehört hatte, in dem ich erfahren habe, dass die eigentlich genau die Wolle herstellen, die ich verstricken will. Superweich, schöne Farben, GOTS-zertifiziert, was das derzeit strengste Öko-Siegel zu sein scheint, das nur vergeben wird, wenn jeder einzelne Produktionsschritt stimmt – von der Tierhaltung über die Arbeitsbedingungen bis hin zur Verträglichkeit der Farbe.

Gekauft habe ich also fünf Stränge in der Farbe „Brombeersorbet“ für einen Water & Stone Cardigan von Veera Välimäki und zwei Stränge „Pure“ 100% Angora von Seidenhase. Das ist wirklich purer Luxus. Und auch Seidenhase achtet darauf, dass es den Tieren gut geht. Daraus werde ich ein Tuch von Martina Behm stricken, Knit your Love. Das Problem ist nun, dass ich am liebsten beide sofort anstricken würde, und das geht natürlich nicht. Abgesehen davon sollte ich erstmal die angefangenen Projekte abschließen. Irgendwann, bald, demnächst bin ich soweit. Dass ich erst Wolle kaufen gehe, wenn das letzte Projekt abgeschlossen ist, und dann darf ich auch sofort anfangen.

Lebensfreude

Heute also Lebensfreude-Messe. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe. Die Kurzvorträge im Foyer waren durchaus interessant. Ich habe mir etwas über Blutegel erzählen lassen, habe hungrige und satte Blutegel in zwei Gläsern bestaunt und durfte sogar einen Blutegel-Kokon anfassen. Es gab eine lange Schlange vor dem Stand mit dem veganen Premium-Eis und eine kurze vor dem Stand mit der Gerstengrassaftverkostung.

Ein mulmiges Gefühl war’s dann bei den Ausstellern. Ganz komische Atmosphäre. Ich hab mich kaum getraut, an einem Stand stehenzubleiben, aus Angst, eine Erdstrahlen abschirmende Heizdecke mit Aktivpunkten für die einzelnen Chakren und Farbwechsel aufgeschwatzt zu bekommen. Eine Christin hat mich abgefangen und wollte wissen, ob sie mich bebeten darf. Durfte sie nicht. Eine weißhaarige Engelheilerin hat komisch geguckt, vermutlich war meine Aura völlig gegen den Strich gebürstet und ich hab es nicht gemerkt. Sie hat mich aber nicht angesprochen. Vermutlich nix mehr zu machen. Ich hätte sie fotografieren lassen können (die Aura jetzt), um nachzugucken, das war mir aber zu teuer (vermutlich ist 30 EUR mit Erklärung, nochmal 10 EUR drauf für etwas längere Beratung sogar ein ganz guter Kurs, ich habe keine Ahnung.) Die Sea-Shepherds standen da auch mit einem Stand rum (CDs mit Walgesängen? Ich hab mich nicht in die Nähe getraut, das letzte Mal, als ich das gemacht habe, auf der hanseboot, hat es eine halbe Stunde gedauert, ich will ja auch nicht unhöflich sein)

Ich hatte große Schwierigkeiten, ernst zu bleiben. Eine kleine, dicke, grell geschminkte Dame mit dunkelblauem Pannesamtüberwurf kam aus ihrem Kartenlege- und Handlese-Verschlag geschossen, just als ich vorbeiging, und fragte, ob ich eine Beratung bräuchte. Ich lehnte dankend ab, und erst danach wurde mir klar, dass ich gerade gar keine Sorgen habe, wenn es eine Erkenntnis des Tages gibt, dann diese. Um die 14 EUR Eintritt noch irgendwie abzuwohnen habe ich irgendwann mit mir „Finde den abgefahrensten Flyer“ gespielt: Es gab zwei heiße Kandidaten: Schnurrmusik (mit Katzenschnurren angereicherte Synthie-Meditationsmusik für Mensch und Katze „Entdecken Sie das Heil-Geheimnis der Katzen zur Steigerung Ihres Wohlbefindens.“) oder Einhornessenzen („Die Einhörner sind Lichtwesen der 7. Dimension ebenso wie Engel und direkt an unserer Seite.“)? Nach kurzer Überlegung gewannen die Einhornessenzen. Allein schon dafür, dass bei der Webadresse das letzte z vergessen wurde, was dem ganzen eine ganz neue Bedeutung verleiht. Ist dann allerdings nicht mehr vegan.

Fantasy Filmfest 2013 – Montag

Ich habe getrödelt. Das Filmfest ist fast einen Monat vorbei, und es gibt noch immer ein paar Eindrücke (Rezensionen sind es ja nicht wirklich) zu teilen.

Fangen wir an mit HAUNTER von Vincenzo Natali. Cube, Cypher und vor allem Nothing mochte ich sehr. Und in der Hauptrolle Litte Miss Sunshine Abigail Breslin. Eine Haunted-House-Geschichte aus Sicht eines Geistes. Lisa – gespielt von Breslin – und ihre Familie sind schon seit Jahren tot und in ihrem Haus gefangen. Außer Lisa scheint sich daran aber niemand zu stören. Sie durchlebt nun immer wieder den Tag vor ihrem sechzehnten Geburtstag und versucht, herauszufinden, was mit ihrer Familie damals passiert ist. Ich hatte – vermutlich der Sprache wegen – an einigen Stellen ein wenig Mühe zu folgen, die Idee hat mir gut gefallen und die Umsetzung fand ich auch gelungen.

Als Nächstes folgte THE PHILOSPHERS. Der verlangt einem dann doch nicht so viel Kopfarbeit ab, wie ich es mir nach der Beschreibung erhofft hatte – dort heißt es: „Stell Dir vor, der nukleare Ernstfall tritt ein und im Atombunker ist nur Platz für zehn Personen – es sind jedoch 21 Menschen vor dem sicheren Tod zu retten. Wie würdet ihr entscheiden?“ und dieses Szenario wird dreimal unter unterschiedlichen Bedingungen durchgespielt. Das ist spannend, weil es nicht im Klassenzimmer gezeigt wird, sondern inszeniert ist. Mir waren die Charaktere etwas zu schablonenhaft, aber die Bilder waren sehr schön und ich mag solche Fragestellungen.

Fantasy Filmfest 2013: Das Wochenende

Vincent Lannoo beim Q&AUm 13.00 Uhr hatte ich am Samstag die Wahl zwischen JUG FACE und ANIMALS – keine leichte Entscheidung, keiner von beiden wird wiederholt, letztenendes habe ich mich für ersteren entschieden – wegen Lauren Ashley Carter und Sean Bridgers, die ich vorletztes Jahr zusammen in THE WOMAN gesehen hatte. Besonders die Wandlungsfähigkeit von Bridgers hat mich beeindruckt, den hab ich ja überhaupt nicht wiedererkannt. In THE WOMAN hat er das machtbesessene, gewalttätige Familienoberhaupt gespielt, ein Arschloch vor dem Herrn, hier ist er Dawai, der etwas zurückgebliebene Töpfer einer Hinterwäldlerkommune, die zu einer Grube im Wald betet. Und ihr opfert, und zwar immer das Mitglied der Kommune, dessen Gesicht der von Dawai in Trance hergestellte Krug trägt. Die (von ihrem Bruder) schwangere Ada, gespielt von Carter, erkennt eines Tages ihr Gesicht im nächsten Krug und lässt das Ding verschwinden, aber damit macht sie es sich ein bisschen zu einfach, denn die Grube will das Opfer, das ihr zusteht. Ich hätte dem Film ein anderes Ende gewünscht, fand ihn aber sonst recht gut, es ging teilweise recht blutig zur Sache und die bedrückende, ausweglose Stimmung kam sehr gut rüber.

Dann ging es weiter mit APP. Hier war der Zuschauer angehalten, vor dem Film eine App auf seinem Smartphone zu installieren, um in den Genuss der sogenannten Second-Screen-Technologie zu kommen. Ich hab mich dem verweigert, weil ich finde, dass Handys während des Films in den Flugmodus versetzt und in die Tasche gesteckt gehören, da bin ich auch nicht verhandlungsbereit. Einige der anderen Kinobesucher haben sie aber natürlich benutzt, so dass ich meine zugegebenermaßen vorhandene Neugier ein bisschen befriedigen konnte. Die meiste Zeit war ein schlauerweise recht dunkel gehaltener Bildschirm zu sehen, und hin und wieder wurden, ausgelöst durch den Filmton, alternative oder ergänzende Szenen gezeigt. Ich konnte da nun keinen echten Mehrwert erkennen, aber es hat auch nicht wirklich gestört. Ich find’s grundsätzlich keine gute Idee, die Leute dazu zu ermutigen, während des Films mit ihrem Telefon herumzuhühnern, aber sei’s drum. Der Film selbst war zu Anfang recht spannend. Anna findet nach einer durchfeierten Nacht eine App auf ihrem Telefon. Sie nennt sich Iris (das Palindrom von Siri, was uns schon mal einen Eindruck davon vermittelt, wie subtil hier zu Werke gegangen wird, nämlich gar nicht) und kann Fragen beantworten, lässt sich jedoch nicht löschen und fängt irgendwann an, Anna und ihr Umfeld zu terrorisieren. Leider war mir sofort klar, wie die App auf ihr Telefon gekommen ist, und wenn ich die Handlung an einigen Stellen nicht vorhersehen konnte, dann deshalb, weil sie so haarsträubend unlogisch war. Ebenso wie dieser Charakter Anna: wer grad begriffen hat, dass eine App auf dem eigenen Smartphone einem Böses will und außerdem begriffen hat, dass diese App in der Lage ist, die Technik um einen herum zu beeinflussen (Schnittstellen sind was für Anfänger) und trotzdem den Fahrstuhl nimmt statt der Treppe, ist wirklich selbst schuld. Die Actionheldinnenqualitäten, die sie dann völlig unvermittelt an den Tag legte, sorgten bei mir für weiteres Kopfschütteln. Müsste ich den Film mit einem Wort zusammenfassen, wäre das wohl „unausgegoren“. Obwohl die Idee, die Zuschauer eine App installieren zu lassen, und dann die Hauptfigur mit „dieser“ App zu tyrannisieren, einen gewissen doppelbödigen Charme hat.

Es folgte I DECLARE WAR, noch ein Film von Jason Lapeyre, dessen COLD BLOODED mir am Donnerstag sehr gut gefallen hatte. Eine Gruppe Zwölfjähriger spielt im Wald Krieg, mit Zwille, Stöckern und Wasserbomben, die in der Fantasie (und auf der Leinwand) zu Armbrust, Gewehren und Handgranaten werden. Die schauspielerische Leistung der Kids hat mich sehr beeindruckt, und ich fühlte mich zeitweise in meinen Wald versetzt, in dem ich herumgetobt habe und auf Bäume geklettert bin. Und letztenendes hat es mich – und da bleibe ich jetzt bewusst vage – daran erinnert, warum meine Freunde meine Freunde sind. Im Programmheft steht was von „Herrn der Fliegen für eine neue Generation“ – das teile ich nicht.

Um 19.15 dann IN THE NAME OF THE SON in Anwesenheit des Regisseurs Vincent Lannoo, der hinterher noch zum Q&A zur Verfügung stand (daher stammt das Foto). Es war recht voll und ich war hier zum ersten Mal vom Publikum genervt. Der Film wurde als schwarze Komödie angekündigt, weswegen das Publikum möglicherweise meinte, jeden zweiten Satz mit schenkelklopfendem Gelächter quittieren zu müssen, und es war um mich herum auch sonst ziemlich unruhig, so mit „krass Alta!“ und ähnlichen Äußerungen. Ich hab’s nicht verstanden. Der Film ist meines Erachtens in dem Sinne eine Komödie, in dem Hagen Rether ein Comedian ist. Mir sind etliche Lacher im Hals steckengeblieben, dafür erschienen mir viele Dialoge einfach zu echt, fast dokumentarisch (was Lannoo hinterher bestätigte). Trotzdem oder gerade deswegen ein toller Film mit einer großartigen Hauptdarstellerin, wieder ein sehr interessantes Q&A, das, wenn ich das richtig mitbekommen habe, noch im kleineren Kreis an die Bar verlegt wurde – ich habe kurz überlegt, mich anzuschließen, aber mein Dartverein hatte Sommerfest und ich hatte zugesagt, dort noch kurz vorbeizuschauen. Das waren am Samstag also vier Filme hintereinander, und ich glaube, das ist mein persönliches Limit.

Am Sonntag habe ich dann meinen ersten Bollywood-Film gesehen. MAKKHI, eine Rachegeschichte mit viel Musik, Tanz und Gesang. Jani ist verliebt in Bindu. Sie hält ihn hin, ist aber eigentlich auch verliebt in ihn. Als Sudeep Bindu das erste Mal sieht, beschließt er, sie zu erobern, denn alle Frauen tanzen nach seiner Pfeife. Dass er bei ihr nicht landen kann, weil sie nur Augen für Jani hat, reizt ihn natürlich umso mehr. Er ermordet Jani, dessen Seele in einer Fliege wiedergeboren wird, um das kurz vor seinem Tod gegebene Versprechen „Wenn du dich ihr näherst, töte ich dich!“ zu erfüllen. Wie diese Fliege nun Sudeep das Leben zur Hölle macht, ist augenzwinkernd witzig, die Fliege ist wirklich cool und sehr liebenswert, und es geht außerdem ordentlich was kaputt. Der hat wirklich sehr, sehr viel Spaß gemacht, das hätte ich gar nicht erwartet.

Abends gab es dann BYZANTIUM, einen sehr stimmungsvollen Vampirfilm mit tollen Bildern und einem schönen Soundtrack. Ich brauche eine Aufnahme dieser Beethoven-Klaviersonate. Gemma Arterton und Saoirse Ronan als Mutter und Tochter, die seit zweihundert Jahren vor einer Vampirbruderschaft fliehen. Die Geschichte bot nicht wirklich Überraschungen, aber die Möglichkeit, in Bildern und Musik zu schwelgen, und viel mehr hatte ich eigentlich auch nicht erwartet. Ich würde Saoirse Ronan gern mal in einer anderen Rolle sehen als dem introvertierten Mädchen. Ich hoffe, sie bekommt diese Chance mal. Selbst als Auftragskillerin in VIOLET & DAISY war sie ja irgendwie ein stilles liebes Mädchen und eigentlich ein Opfer.

Danach das Centerpiece: SWEETWATER. Ein Western. Western ist einfach nicht mein Genre. Dieser hatte ein paar schräge Charaktere zu bieten, allen voran Ed Harris als exzentrischer Sheriff Jackson. Und Kostüme gucken (das lila Kleid von January Jones!) ist natürlich auch immer toll, ich hab teilweise überlegt, dass ich gern auch so eine hochgeschlossene Bluse nachnähen würde, aber bei so vielen Knopflöchern bestimmt wahnsinnig würde, jedenfalls wenn ich das mit meiner alten Singer versuche … woran man ja vielleicht schon erkennen kann, dass mich die Handlung nicht so wirklich gepackt hatte. Naja. Irgendwie war ich auch gesättigt. Habe mir den Spätfilm also verkniffen und fange heute auch erst um 19.15 an.