Fantasy Filmfest 2013: Das Wochenende

Vincent Lannoo beim Q&AUm 13.00 Uhr hatte ich am Samstag die Wahl zwischen JUG FACE und ANIMALS – keine leichte Entscheidung, keiner von beiden wird wiederholt, letztenendes habe ich mich für ersteren entschieden – wegen Lauren Ashley Carter und Sean Bridgers, die ich vorletztes Jahr zusammen in THE WOMAN gesehen hatte. Besonders die Wandlungsfähigkeit von Bridgers hat mich beeindruckt, den hab ich ja überhaupt nicht wiedererkannt. In THE WOMAN hat er das machtbesessene, gewalttätige Familienoberhaupt gespielt, ein Arschloch vor dem Herrn, hier ist er Dawai, der etwas zurückgebliebene Töpfer einer Hinterwäldlerkommune, die zu einer Grube im Wald betet. Und ihr opfert, und zwar immer das Mitglied der Kommune, dessen Gesicht der von Dawai in Trance hergestellte Krug trägt. Die (von ihrem Bruder) schwangere Ada, gespielt von Carter, erkennt eines Tages ihr Gesicht im nächsten Krug und lässt das Ding verschwinden, aber damit macht sie es sich ein bisschen zu einfach, denn die Grube will das Opfer, das ihr zusteht. Ich hätte dem Film ein anderes Ende gewünscht, fand ihn aber sonst recht gut, es ging teilweise recht blutig zur Sache und die bedrückende, ausweglose Stimmung kam sehr gut rüber.

Dann ging es weiter mit APP. Hier war der Zuschauer angehalten, vor dem Film eine App auf seinem Smartphone zu installieren, um in den Genuss der sogenannten Second-Screen-Technologie zu kommen. Ich hab mich dem verweigert, weil ich finde, dass Handys während des Films in den Flugmodus versetzt und in die Tasche gesteckt gehören, da bin ich auch nicht verhandlungsbereit. Einige der anderen Kinobesucher haben sie aber natürlich benutzt, so dass ich meine zugegebenermaßen vorhandene Neugier ein bisschen befriedigen konnte. Die meiste Zeit war ein schlauerweise recht dunkel gehaltener Bildschirm zu sehen, und hin und wieder wurden, ausgelöst durch den Filmton, alternative oder ergänzende Szenen gezeigt. Ich konnte da nun keinen echten Mehrwert erkennen, aber es hat auch nicht wirklich gestört. Ich find’s grundsätzlich keine gute Idee, die Leute dazu zu ermutigen, während des Films mit ihrem Telefon herumzuhühnern, aber sei’s drum. Der Film selbst war zu Anfang recht spannend. Anna findet nach einer durchfeierten Nacht eine App auf ihrem Telefon. Sie nennt sich Iris (das Palindrom von Siri, was uns schon mal einen Eindruck davon vermittelt, wie subtil hier zu Werke gegangen wird, nämlich gar nicht) und kann Fragen beantworten, lässt sich jedoch nicht löschen und fängt irgendwann an, Anna und ihr Umfeld zu terrorisieren. Leider war mir sofort klar, wie die App auf ihr Telefon gekommen ist, und wenn ich die Handlung an einigen Stellen nicht vorhersehen konnte, dann deshalb, weil sie so haarsträubend unlogisch war. Ebenso wie dieser Charakter Anna: wer grad begriffen hat, dass eine App auf dem eigenen Smartphone einem Böses will und außerdem begriffen hat, dass diese App in der Lage ist, die Technik um einen herum zu beeinflussen (Schnittstellen sind was für Anfänger) und trotzdem den Fahrstuhl nimmt statt der Treppe, ist wirklich selbst schuld. Die Actionheldinnenqualitäten, die sie dann völlig unvermittelt an den Tag legte, sorgten bei mir für weiteres Kopfschütteln. Müsste ich den Film mit einem Wort zusammenfassen, wäre das wohl „unausgegoren“. Obwohl die Idee, die Zuschauer eine App installieren zu lassen, und dann die Hauptfigur mit „dieser“ App zu tyrannisieren, einen gewissen doppelbödigen Charme hat.

Es folgte I DECLARE WAR, noch ein Film von Jason Lapeyre, dessen COLD BLOODED mir am Donnerstag sehr gut gefallen hatte. Eine Gruppe Zwölfjähriger spielt im Wald Krieg, mit Zwille, Stöckern und Wasserbomben, die in der Fantasie (und auf der Leinwand) zu Armbrust, Gewehren und Handgranaten werden. Die schauspielerische Leistung der Kids hat mich sehr beeindruckt, und ich fühlte mich zeitweise in meinen Wald versetzt, in dem ich herumgetobt habe und auf Bäume geklettert bin. Und letztenendes hat es mich – und da bleibe ich jetzt bewusst vage – daran erinnert, warum meine Freunde meine Freunde sind. Im Programmheft steht was von „Herrn der Fliegen für eine neue Generation“ – das teile ich nicht.

Um 19.15 dann IN THE NAME OF THE SON in Anwesenheit des Regisseurs Vincent Lannoo, der hinterher noch zum Q&A zur Verfügung stand (daher stammt das Foto). Es war recht voll und ich war hier zum ersten Mal vom Publikum genervt. Der Film wurde als schwarze Komödie angekündigt, weswegen das Publikum möglicherweise meinte, jeden zweiten Satz mit schenkelklopfendem Gelächter quittieren zu müssen, und es war um mich herum auch sonst ziemlich unruhig, so mit „krass Alta!“ und ähnlichen Äußerungen. Ich hab’s nicht verstanden. Der Film ist meines Erachtens in dem Sinne eine Komödie, in dem Hagen Rether ein Comedian ist. Mir sind etliche Lacher im Hals steckengeblieben, dafür erschienen mir viele Dialoge einfach zu echt, fast dokumentarisch (was Lannoo hinterher bestätigte). Trotzdem oder gerade deswegen ein toller Film mit einer großartigen Hauptdarstellerin, wieder ein sehr interessantes Q&A, das, wenn ich das richtig mitbekommen habe, noch im kleineren Kreis an die Bar verlegt wurde – ich habe kurz überlegt, mich anzuschließen, aber mein Dartverein hatte Sommerfest und ich hatte zugesagt, dort noch kurz vorbeizuschauen. Das waren am Samstag also vier Filme hintereinander, und ich glaube, das ist mein persönliches Limit.

Am Sonntag habe ich dann meinen ersten Bollywood-Film gesehen. MAKKHI, eine Rachegeschichte mit viel Musik, Tanz und Gesang. Jani ist verliebt in Bindu. Sie hält ihn hin, ist aber eigentlich auch verliebt in ihn. Als Sudeep Bindu das erste Mal sieht, beschließt er, sie zu erobern, denn alle Frauen tanzen nach seiner Pfeife. Dass er bei ihr nicht landen kann, weil sie nur Augen für Jani hat, reizt ihn natürlich umso mehr. Er ermordet Jani, dessen Seele in einer Fliege wiedergeboren wird, um das kurz vor seinem Tod gegebene Versprechen „Wenn du dich ihr näherst, töte ich dich!“ zu erfüllen. Wie diese Fliege nun Sudeep das Leben zur Hölle macht, ist augenzwinkernd witzig, die Fliege ist wirklich cool und sehr liebenswert, und es geht außerdem ordentlich was kaputt. Der hat wirklich sehr, sehr viel Spaß gemacht, das hätte ich gar nicht erwartet.

Abends gab es dann BYZANTIUM, einen sehr stimmungsvollen Vampirfilm mit tollen Bildern und einem schönen Soundtrack. Ich brauche eine Aufnahme dieser Beethoven-Klaviersonate. Gemma Arterton und Saoirse Ronan als Mutter und Tochter, die seit zweihundert Jahren vor einer Vampirbruderschaft fliehen. Die Geschichte bot nicht wirklich Überraschungen, aber die Möglichkeit, in Bildern und Musik zu schwelgen, und viel mehr hatte ich eigentlich auch nicht erwartet. Ich würde Saoirse Ronan gern mal in einer anderen Rolle sehen als dem introvertierten Mädchen. Ich hoffe, sie bekommt diese Chance mal. Selbst als Auftragskillerin in VIOLET & DAISY war sie ja irgendwie ein stilles liebes Mädchen und eigentlich ein Opfer.

Danach das Centerpiece: SWEETWATER. Ein Western. Western ist einfach nicht mein Genre. Dieser hatte ein paar schräge Charaktere zu bieten, allen voran Ed Harris als exzentrischer Sheriff Jackson. Und Kostüme gucken (das lila Kleid von January Jones!) ist natürlich auch immer toll, ich hab teilweise überlegt, dass ich gern auch so eine hochgeschlossene Bluse nachnähen würde, aber bei so vielen Knopflöchern bestimmt wahnsinnig würde, jedenfalls wenn ich das mit meiner alten Singer versuche … woran man ja vielleicht schon erkennen kann, dass mich die Handlung nicht so wirklich gepackt hatte. Naja. Irgendwie war ich auch gesättigt. Habe mir den Spätfilm also verkniffen und fange heute auch erst um 19.15 an.

Fantasy Filmfest 2013: Tag 2

Heute gab es zwei Filme, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Doch, eine Gemeinsamkeit gibt es: eine starke weibliche Hauptrolle. Der erste Film war COLD BLOODED: Juwelendieb Cordero wacht nach einem missglückten Bruch in einem stillgelegten Flügel des Krankenhauses auf, bewacht von der jungen Polizistin Frances Jane. Nur er weiß, was passiert ist. Nach kurzer Zeit taucht sein Boss auf und will die gestohlenen Diamanten an sich bringen sowie Cordero für seinen Verrat bestrafen – denn der wird außerdem beschuldigt, seinen Partner getötet zu haben. Die gewissenhafte Polizistin Jane und Pokerface Cordero müssen sich verbünden, wenn sie heil aus der Nummer herauskommen wollen, denn Corderos Boss schreckt vor nichts zurück. Spannend, toll gecastet, die Dialoge auf den Punkt – mir hat der Film sehr gut gefallen. Einfach, weil die beiden Hauptfiguren auch so sympathisch sind, dass man Ihnen nichts Böses will, hatte ich mich die ganze Zeit in meine Armlehne verkrallt.

Der zweite Film war dann BLANCANIEVES. Ein Stummfilm, schwarz-weiß. Pablo Berger inszeniert Schneewittchen als Matadora im Sevilla der Zwanziger Jahre. Ich habe noch nie einen Stummfilm gesehen, auch The Artist nicht, was in erster Linie daran lag, dass ich nichts Gutes vom Standard-Kinopublikum erwartet habe: das denkt ja gern mal, dass, wenn auf der Leinwand nicht gesprochen wird, auch nichts passiert, und man sich unterhalten darf. Dass das Publikum bei diesem Festival anders ist, ist auch ein Grund, warum ich mich jedes Jahr wieder drauf freue. Nun ja, anderes Thema. Ich war jedenfalls völlig fasziniert davon, wie ein Regisseur seine Darstellungsmittel in der heutigen Zeit so reduzieren und doch so viel ausdrücken kann. Er hat nicht nur weitestgehend auf Sprache verzichtet – mir fehlt wie gesagt der Vergleich, aber es waren meinem Eindruck nach nur wenige Tableaus – sondern auch auf Farbe. Stierkampf, Schneewittchen, vergifteter Apfel, … man sollte doch meinen, dass er Farbe, besonders rot, sehr gut hätte gebrauchen können. Aber er hat darauf verzichtet und es hat nichts gefehlt. Und er erzählt dieses Märchen von Schneewittchen und den sechs kleinwüchsigen Torreros so dermaßen verschroben, dass es wirklich eine Freude ist. Es gibt noch keinen deutschen Starttermin, aber er soll in Deutschland ins Kino kommen und ist auf jeden Fall eine Empfehlung.

Morgen habe ich frei. Ich könnte mittags Europa Report gucken, aber danach läuft nichts mehr, was mich interessiert, also mache ich einen Tag Pause. Das Wochenende wird voll genug.

Fantasy Filmfest 2013: Tag 1

IMG_3840Opening Night: THE CONGRESS. „Es ist großartig, dass der Film auf einem Fantasy-Festival läuft“, sagte Regisseur Ari Folman vor Beginn des Films, „für ein Publikum wie euch habe ich ihn gemacht.“ Er riet weiterhin dazu, sich anzuschnallen, zurückzulehnen und nicht allzu viel zu denken. Tatsächlich sind die Bilder überwältigend und verwirrend, gefilmte Szenen sind die eine, regenbogenbunte, psychedelische Animationen die andere Hälfte des Films, dessen Basis der Roman „Der futurologische Kongress“ von Stanisław Lem ist. Die Essenz ist jedoch simpel: es geht um Identität und Entscheidungen, um die Konsequenzen unserer Entscheidungen, wer wir sind und wer wir sein wollen. Nach dem Film stand der Regisseur noch für ein Q&A zur Verfügung, dem ich noch viel länger hätte zuhören mögen, aber der nächste Film sollte anfangen, so fand es ein etwas abruptes Ende.

Danach gab es BIG ASS SPIDER! mit Greg Grunberg als Kammerjäger Alex und Ray Wise (den der eine oder andere vielleicht noch als Leland Palmer aus TWIN PEAKS in Erinnerung hat) als Major Tanner. Greg Grunberg fand ich wirklich sehr lustig, und zusammen mit seinem Sidekick, Security Guy José, trägt er den Film. Eigentlich war das ja alles gut gemeint, berichtet der Wissenschaftler, der zusammen mit den Special Forces angerückt ist, um „die Sache“ wieder in Ordnung zu bringen, etwas widerwillig (die Sache ist eine Spinne von der Größe einer Stadtvilla, die eine mit eingesponnenen Skeletten garnierte Schneise der Zerstörung durch Downtown L.A. trampelt). Sie hatten ein wachstumsförderndes Gen aus Marsfossilien isoliert und folgten der Vision von Tomaten, von denen eine einzige Frucht einen ganzen Stadtteil ernähren könnte. Dummerweise war in einer der Pflanzen ein Spinnengelege, und die Tierchen haben auf das wachstumsfördernde Mittel leider verblüffend gut angesprochen. Wir lernen also wieder: gut gemeint ist nicht immer gut gemacht. Apropos gut gemacht, die Spinnen fand ich schon ziemlich gut animiert, besonders die kleinen, und die Effekte einigermaßen eklig. Ich hab an anderer Stelle schon „boah war das schlecht animiert“ gelesen, aber für mich hat’s gereicht, ich kann über Schönheitsfehler auch hinwegsehen, wenn der Rest stimmt. Die Story ist klischeeüberladene Nebensache und das komplette Team muss beim Dreh einen Heidenspaß gehabt haben, der sich direkt auf mich übertragen hat – ich bin jedenfalls mit einem breiten Grinsen aus dem Kino gekommen.

Mal schauen, ob ich es dieses Jahr schaffe, mit meinen Festivaleinträgen dranzubleiben. Die letzten Jahre hat das ja nicht so geklappt. Heute gibt es COLD BLOODED, dann das vorletzte Sommerliga-Spiel und dann den Stummfilm BLANCANIEVES.