Premieren: Esoterik-Messe

Heute also Lebensfreude-Messe. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe. Die Kurzvorträge im Foyer waren durchaus interessant. Ich habe mir etwas über Blutegel erzählen lassen, habe hungrige und satte Blutegel in zwei Gläsern bestaunt und durfte sogar einen Blutegel-Kokon anfassen. Es gab eine lange Schlange vor dem Stand mit dem veganen Premium-Eis und eine kurze vor dem Stand mit der Gerstengrassaftverkostung.

Ein mulmiges Gefühl war’s dann bei den Ausstellern. Ganz komische Atmosphäre. Ich hab mich kaum getraut, an einem Stand stehenzubleiben, aus Angst, eine Erdstrahlen abschirmende Heizdecke mit Aktivpunkten für die einzelnen Chakren und Farbwechsel aufgeschwatzt zu bekommen. Eine Christin hat mich abgefangen und wollte wissen, ob sie mich bebeten darf. Durfte sie nicht. Eine weißhaarige Engelheilerin hat komisch geguckt, vermutlich war meine Aura völlig gegen den Strich gebürstet und ich hab es nicht gemerkt. Sie hat mich aber nicht angesprochen. Vermutlich nix mehr zu machen. Ich hätte sie fotografieren lassen können (die Aura jetzt), um nachzugucken, das war mir aber zu teuer (vermutlich ist 30 EUR mit Erklärung, nochmal 10 EUR drauf für etwas längere Beratung sogar ein ganz guter Kurs, ich habe keine Ahnung.) Die Sea-Shepherds standen da auch mit einem Stand rum (CDs mit Walgesängen? Ich hab mich nicht in die Nähe getraut, das letzte Mal, als ich das gemacht habe, auf der hanseboot, hat es eine halbe Stunde gedauert, ich will ja auch nicht unhöflich sein)

Ich hatte große Schwierigkeiten, ernst zu bleiben. Eine kleine, dicke, grell geschminkte Dame mit dunkelblauem Pannesamtüberwurf kam aus ihrem Kartenlege- und Handlese-Verschlag geschossen, just als ich vorbeiging, und fragte, ob ich eine Beratung bräuchte. Ich lehnte dankend ab, und erst danach wurde mir klar, dass ich gerade gar keine Sorgen habe, wenn es eine Erkenntnis des Tages gibt, dann diese. Um die 14 EUR Eintritt noch irgendwie abzuwohnen habe ich irgendwann mit mir „Finde den abgefahrensten Flyer“ gespielt: Es gab zwei heiße Kandidaten: Schnurrmusik (mit Katzenschnurren angereicherte Synthie-Meditationsmusik für Mensch und Katze „Entdecken Sie das Heil-Geheimnis der Katzen zur Steigerung Ihres Wohlbefindens.“) oder Einhornessenzen („Die Einhörner sind Lichtwesen der 7. Dimension ebenso wie Engel und direkt an unserer Seite.“)? Nach kurzer Überlegung gewannen die Einhornessenzen. Allein schon dafür, dass bei der Webadresse das letzte z vergessen wurde, was dem ganzen eine ganz neue Bedeutung verleiht. Ist dann allerdings nicht mehr vegan.

Qualität statt Quantität

Ich möchte dieses Jahr nicht nur weniger kaufen. Ich möchte insgesamt meine Aufmerksamkeit, meine Energie, meine Zeit und mein Geld auf die Menschen und Dinge konzentrieren, die mir wirklich wichtig sind. Das Thema beschäftigt mich, seit eine Freundin mich Silvester 2013 auf ein Gespräch von SWR1 mit Prof. Niko Paech (Link führt zu Youtube) aufmerksam gemacht hat (Zitat daraus zu der Tatsache, dass jede(r) Deutsche im Durchschnitt 10.000 Gegenstände besitzt: „Wo wollen wir eigentlich die Zeit und die Konzentration und die menschliche Aufnahmekapazität hernehmen, um das alles so stressfrei zu genießen, dass am Ende ein Effekt dabei herauskommt, den man mit Recht und Fug Glück nennen kann? Das geht nicht, und deswegen sind wir gestresst. Deswegen bedeutet weniger konsumieren nicht Verzicht, es ist Selbstschutz, um uns sozusagen vor Überforderung zu retten.“). Und von einer anderen Freundin bekam ich den TED Talk des Psychologen Barry Schwartz zum Paradoxon der Wahlmöglichkeiten ans Herz gelegt.

Nun habe ich vor einiger Zeit eine „Minimalismus*-Challenge“ im Netz gefunden (auf Into Mind). Dreißig Tage, dreißig kleine oder nicht ganz so kleine Aufgaben. Manche sehen nur klein aus. Mit einigen der Aufgaben kann ich nichts anfangen, die sortiere ich aus. Einiges gehört ohnehin schon zu meinen Gewohnheiten. Die Vorgehensweise – ein Tag, eine Aufgabe – ist für manche der Aufgaben schlicht Blödsinn: z.B. eine Viertelstunde meditieren, eine Morgenroutine entwickeln, eine entspannende Abendroutine entwickeln – so etwas braucht Zeit und Wiederholung. Eine gute Inspiration ist diese Liste jedoch allemal.

Ich habe mir also ein paar Rosinen herausgepickt. Einigen davon möchte ich nicht nur einen Tag zu widmen, sondern sie eine komplette Woche täglich ausprobieren, um sie dann zu behalten – oder eben nicht. Dazu gehören: täglich fünfzehn Minuten Meditation, ein Morgen- sowie ein Abendritual, ein Achtsamkeitsspaziergang, Tagebuch schreiben. Ich habe mal einige Wochen lang jeden Morgen meditiert und das hat mir sehr gut getan, dann war mein Leben im letzten Herbst etwas sehr stressig, und da ist diese Gewohnheit über die Kante gefallen – war halt noch nicht fest genug angewachsen. Aber eigentlich ist jetzt eine gute Zeit, wieder damit anzufangen.

Andere finde ich als Aufgabe für einen Tag spannend und könnte mir vorstellen, sie mir in regelmäßigen größeren Abständen zur Gewohnheit zu machen. Zum Beispiel einen kompletten Tag offline zu bleiben oder regelmäßig „Single-Tasking“ zu üben – das ist zum Beispiel eine der Aufgaben, die nur klein aussehen – ich finde das sauschwer. Dabei lohnt es sich, das zu praktizieren, denn Multitasking ist weder effektiv noch gesund („Wie viel Ablenkung verträgt das Gehirn“ – Artikel bei NDR Info).

Ausmisten – sei es mein EMail-Postfach, meine Bookmarks, mein Kleiderschrank, meine Kontakte in sozialen Netzwerken, mein Bücherregal, Vereinsmitgliedschaften oder mein Badezimmer-Fach – gehört schon zu den Dingen, die ich regelmäßig mache. Meine Ziele und Prioritäten kommen in unregelmäßigen Abständen auf den Prüfstand. Vielleicht wäre das eine gute regelmäßige Gewohnheit – manchmal warte ich zu lange damit, mich von einem Ziel, das nicht mehr passt, zu verabschieden, manchmal verliere ich Ziele aus den Augen. So weit, so normal, denke ich. Das ist dann so und das ist in Ordnung. Ich glaube, man kann sich mit der „Selbstoptimierung“ auch ganz schön stressen. 90% reichen. Dicke.

* „Minimalismus“ – das Schlagwort hatte ich so noch gar nicht auf dem Schirm. Es passt schon, klingt mir persönlich aber zu sehr nach „Quantität statt Qualität“. Ich hätte eher „Fokus“ gewählt. Nicht „so wenig wie möglich“, sondern „Konzentration auf das Wesentliche“.

Ich kaufe nichts – das erste Quartal

IMG_8076Wie lief es denn so bisher mit dem Konsumverzicht? Ganz gut, auch wenn ich nur zu 90% konsequent war. Ich habe zwei Bücher gekauft und ein T-Shirt. Sonst nix, kein Handarbeitsmaterial, keine Tees und keine Kosmetika. Das finde ich so schlecht nicht. Ich bin etliche Male um neue Tees in hübschen Verpackungen herumgeschlichen, mehrmals an dem netten Stofflädchen vorbeigekommen, ohne der Restekiste zu verfallen, und ich habe drei Bücher nicht gekauft. Ich habe sie mit stattdessen wie geplant in der Bücherhalle ausgeliehen und eines davon auch nach zwei Kapiteln entnervt wieder zurückgetragen, nämlich „Albuquerque“ von Florian Wacker. Erzählungen, sehr gute Kritiken, klang ansprechend. Ich mag es allerdings nicht, wenn die Geschichten nur skizziert werden und vieles offen bleibt, das ich mir dann in meinem eigenen Kopf vervollständigen muss. Meinen Kopf kenne ich. Und ich lese unter anderem, um aus meinem Kopf rauszukommen, dieses Buch hat für mich also leider nicht funktioniert. Der erste vermiedene Fehlkauf des Jahres. Die anderen beiden stehen noch im Regal und warten, bis sie dran sind, denn erst müssen die beiden gekauften Bücher gelesen werden. Das erste ist „Darm mit Charme“. Je nun. Eigentlich hatte beim Erscheinen dieses Buches meine Hype-Allergie angeschlagen. Man kam ja gar nicht dran vorbei. Sowas löst bei mir seit jeher Widerwillen aus. So wie Harry Potter damals. Schlimm. Aber dann konnte ich nicht schlafen und habe bei Spotify irgendein Hörbuch zum Einschlafen gesucht. Ihr ahnt es: irgendwann war es zwei Uhr und ich war beim Blinddarm angekommen, hellwach, völlig fasziniert. Ich hab es dann tagsüber noch zweimal gehört und habe einzelne Dinge nachgelesen. Und beschlossen, mit das Buch zu kaufen, damit ich mich durch die angegebenen Quellen lesen und Post-Its reinkleben kann. Gedacht, gekauft. Und die Version bei Spotify ist gekürzt, im Buch steht noch viel mehr. Das hat sich auf jeden Fall schon mal gelohnt. Das zweite Buch „Und sie fliegt doch – eine kurze Geschichte der Hummel“ von Dave Goulson gehört dann schon eher in die Kategorie Affektkauf, auch wenn ich ein paar Tage drumherumgeschlichen bin und nur sehr kurz rein-, mich aber abends dafür sofort festgelesen habe. Es ist ein Sachbuch, aber eher wie eine Erzählung geschrieben, sehr flüssig, mit sehr britischem Humor. Und Hummeln und Bienen finde ich ja super. Die Steinhummel heißt lateinisch übrigens bombus lapidarius, darüber muss ich immer kichern, wenn ich das höre. bombus lapidarius. Herrlich.

Das T-Shirt war übrigens das Tourshirt von Katzenjammer, das ich mir beim Konzert am 9. März in der Großen Freiheit gekauft habe. Für Tourshirts gilt das gleiche wie für Urlaubsgarn: ein Shirt beziehungsweise Wolle für ein Projekt ist frei. :)