Von einer, die auszog, das Weißwurstmachen zu lernen – fünf Tage Regensburg

Regensburg, so habe ich gelernt, ist die nördlichste Stadt Italiens. Allerdings ist in Italien auch manchmal Mistwetter, und so bin ich, als ich am Mittwoch in meinem Hotel ankomme, klatschnass. Regensburg macht dem ersten Teil seines Namens Ehre.

Ich habe ein Zimmer im Hotel David gebucht, in der Nähe des Tagungshotels, in dem ich viel Zeit verbringen werde. Im Tagungshotel selbst habe ich nichts mehr bekommen. Das Hotel David ist eine denkmalgeschützte ehemalige Kapelle, es gibt keinen Aufzug und kaum eine gerade Wand. Die Wände sind grob verputzt, der Boden uneben und die Dusche ist eine Badewanne mit Löwenfüßen, und vom Fenster habe ich einen Blick auf die Donau und auf das Tagungshotel. So weit schon mal ziemlich gut. Ich lege mich notdürftig trocken und mache mich auf dem Weg zum Tagungsbüro.

Der Anlass meiner Regensburg-Reise ist das Jahrestreffen von Mensa Deutschland. Rund um die jährliche Mitgliederversammlung, die jedes Jahr in einer anderen Stadt stattfindet, hat das lokale Orgateam ein buntes Rahmenprogramm zusammengestellt. Ich bin dieses Jahr zum ersten Mal dabei und einigermaßen aufgeregt. Im Tagungsbüro, meiner ersten Anlaufstelle, bekomme ich Coupons für meine im Vorfeld gebuchten Veranstaltungen – ich werde unter anderem einen Weißwurstworkshop besuchen, Schafkopf spielen lernen, mehreren Vorträgen lauschen und einen Ausflug zum Hundertwasserturm in Abensberg unternehmen -, ein Ticket für den RVV (das ich eigentlich nicht brauche, denn in Regensburg ist, wie sich herausstellen wird, alles sehr gut zu Fuß erreichbar), Infomaterial und mein Namensschild an einem roten Schlüsselband mit Mensa-Emblem, das mir in den folgenden Tagen viele spannende Gespräche und konspirative Lächeln einbringen wird.

Vom Tagungsbüro geht es im gestreckten Galopp – ich bin spät dran – zum ersten Termin, einem Kaffeeklatsch für Neulinge beim Jahrestreffen (oder JT, Mensaner sind Abkürzungsfans). Da es mein erstes Jahrestreffen ist, nehme ich die Gelegenheit, alten Hasen Fragen zu stellen, gern wahr. Zum Beispiel: Wie streng ist der Dresscode beim Galadiner? Könnte man da, sagen wir, im Dirndl auftauchen? Ich lerne: Tracht geht in Bayern immer. Gut. Ich besitze zwar kein Dirndl, bin aber mit dem festen Vorsatz hergekommen, das zu ändern. Und dann kann ich es gleich einweihen. Abends sind jeweils Stammtische angesetzt, am ersten Abend bin ich dabei, führe tolle, vielseitige Gespräche mit vielen Menschen, schaue zu, wie Dortmund die Bayern aus dem Pokal wirft und treffe einen Nachbarn, der im echten Leben zwei Hauseingänge neben mir wohnt. Die Welt ist ein Dorf. Ich falle deutlich später als geplant glücklich in mein Hotelbett.

Der nächste Tag beginnt mit einer alternativen Stadtführung mit dem Titel „Mein Selfie aus einem unbekannten Regensburg“. Wir werden durch Regensburgs schmalste Gasse geführt, bekommen die beste Stelle für ein Foto vorm Schloss gezeigt und besuchen den Milchpilz (ein Café in der Form eines Fliegenpilzes) und ein Parkhaus, das die alte Stadtmauer integriert. Ich präge mir alles so gut es geht ein, um am Wochenende bei schönerem Wetter wiederzukommen. Denn eine Fototour bei Regenwetter ist jetzt nicht wirklich sinnvoll – die Fotos in diesem Eintrag sind fast alle vom Wochenende, denn bis Freitag Nachmittag wird es gnadenlos weiterschütten.

Mein erster Vortrag trägt den Titel „Gedanken eines Autisten: allein oder einsam?“ Der Referent Werner Kelnhofer weiß seit zehn Jahren (er ist 65 Jahre alt), dass er Asperger hat. Er berichtet mal ernst, mal unterhaltsam aus seinem Allltag und beantwortet sehr offen alle unsere Fragen. Ich nehme aus diesem Vortrag sehr viel mit, auch und gerade persönliches.

Die fast dreistündige Pause vor der nächsten Veranstaltung nutze ich für die Mission Dirndlkauf. Ich liebäugle schon länger mit einem Dirndl, Nordlicht hin oder her, und habe mir im Vorfeld den Laden Wirkes Dirndl Trachten & Ledermoden ausgesucht. Denn wenn ich mir so ein Kleid kaufe, dann natürlich vor Ort und unter fachkundiger Beratung – ich hab schließlich keine Ahnung, wie so etwas sitzen muss. Am Ende ist es aber doch viel einfacher als erwartet, gleich das erste passt und gefällt mir supergut. Ich mag die vielen kleinen Details – hier noch eine Paspel, da noch eine Spitze, Herzchen am Reißverschlussgreifer, so Dinge halt. Und für die volle Dröhnung bayrischer Kultur gibt es im Anschluss den Schafkopf-Workshop für Anfänger im Hofbräuhaus. Ich stelle fest, dass meine Doppelkopfkenntnisse mir nützen, und die zwei Stunden in lustiger Runde vergehen wie im Flug.

Der letzte Termin des Tages ist dann ein Besuch der Sternwarte Regensburg, und hier überlege ich das erste Mal, ob ich nicht schwänzen soll … aufgrund des Wetters können wir nicht auf die Plattform – es ist zu glatt und man würde ohnehin nichts sehen. Es gibt also einen zweieinhalbstündigen Vortrag über Kosmologie. Im Dunkeln. Abends um neun. Nach einem üppigen Essen. Die anschließende Führung durch die Räume halte ich sehr kurz und mache mich aus dem Staub.

Der Freitag beginnt aufgrund eines abgeschalteten Weckers zu spät und demzufolge mit einem Kaltstart, ich schaffe es aber noch rechtzeitig zum WeißWurstWorkshop in den Ratskeller. Unter fachkundiger Anleitung und mit sehr viel Spaß bereiten wir acht Kilo Wurstbrät zu, jeder bekommt eine Aufgabe – meine ist das Abreiben der Schale von drei Zitronen. Ja, in Weißwurst kommt Zitronenschale. Und Zwiebeln. Und Petersilie. Und die geheime Gewürzmischung. Und kein Hirn, auch wenn das gern behauptet wird. Ich vermute, das liegt an der Farbe. Da kein Nitritpökelsalz verwendet wird, das den Muskelfarbstoff Myoglobin erhält, ist die Weißwurst eben gräulich-weiß und nicht rosa. Man darf die Weißwurst übrigens auch längt schneiden und das Brät aus der Pelle holen (die aus Schweinedarm besteht, der dicker ist als die für andere Würstchen üblichen Schafsdärme und daher nicht mitgegessen wird), man muss nicht zuzeln, also die Wurst in die Hand nehmen und das Brät mit den Zähnen aus der Pelle ziehen. Das geht ohnehin nur mit frischer Weißwurst richtig gut, und nachdem die ersten drei bis vier Zentimeter gegessen sind, wird es, wie ich finde, anstrengend. Dazu gibt es klassisch Brezn, Weißbier und süßen Senf. Ich muss noch Zubehör für meine Küchenmaschine besorgen, dann kann es losgehen mit der heimischen Weißwurstproduktion.

Gut gestärkt mache ich mich anschließend auf den Weg ins Tagungshotel zu meinem nächsten Vortrag mit dem Titel „Hoffentlich merkt´s bloß keiner …“ Ute Gietzen-Wieland spricht über das Impostor-Phänomen oder Hochstapler-Syndrom, ein kurzweiliger Vortrag mit reichlich Beispielen aus ihrer Coaching-Praxis und am Ende auch einigen Tipps für Betroffene. Beim Hochstapler-Syndrom geht es kurz gesagt darum, dass eigene Erfolge äußeren Faktoren zugeschrieben werden (Glück gehabt/der Lehrer mochte mich/war ja gar nicht so schwer etc.), die Gründe für eigenes Scheitern hingegen in einem selbst gesehen werden (ich bin zu dumm/untalentiert/schlecht vorbereitet) Dieses Phänomen trifft besonders häufig Minderheiten, zu denen unter anderem späterkannte Hochbegabte gehören. Auf die eingangs gestellte Frage, wie viele der Zuhörenden von ihrer Hochbegabung erst im Erwachsenenalter erfahren haben, gehen fast alle Arme nach oben, und während des Vortrags höre ich aus den Reihen immer wieder zustimmendes Raunen, ertapptes Lachen, und ich beobachte mich selbst dabei, wie ich ein ums andere mal heftig nicke. Ich habe später an diesem Tag noch die Gelegenheit, mich länger mit der Referentin zu unterhalten.

Die Gespräche, die ich hier führen darf, sind ohnehin der Wahnsinn. Ich habe noch nie so viele Menschen getroffen, mit denen ich so auf einer Wellenlänge bin. Ich breche das Gespräch also eher widerwillig ab, denn ich muss zur Erlebnisführung: Mit dem Nachtwächter unterwegs, leider auch wieder bei Nieselregen. Davon abgesehen ist die Führung wirklich kurzweilig. Wir schreiben das Jahr 1636, in dem der Kaiser seinen Sohn in Regensburg zum König krönen lassen wird. Dafür braucht die Nachtwache Verstärkung – und wir sind die Rekruten. Die 90 Minuten vergehen schnell. Wenn nur der Regen nicht wär … ich setze mich zum Trocknen und auf einen Wein in die Lounge des Hotels.

Am Samstag sehe ich beim Frühstück zum ersten Mal Sonne. Ich beschließe kurzerhand, die mit fünf Stunden angesetzte Mitgliederversammlung zu schwänzen und erkunde auf eigene Faust die Stadt. Am frühen Abend muss ich im Kolpinghaus sein, zur Verleihung des Deutschen IQ-Preises und dem anschließenden Galadinner. Da will ich auch das neue Dirndl einweihen! Ich falle damit überhaupt nicht auf und fühle mich sehr wohl. Irritierte Blicke gibt es erst, wenn ich im Gespräch erwähne, dass ich aus Norddeutschland komme. So einfach ist das mit den Schubladen.

Der Abend wird lang, die IQ-Preis-Verleihung beginnt eine halbe Stunde zu spät, was aber alle Anwesenden mit Fassung tragen. Es werden zwei Preise vergeben, in der Kategorie Intelligenz zum Wohle der Allgemeinheit nutzen gewinnt das Projekt One Dollar Glasses, das eine Brille entwickelt hat, die für sehr wenig Geld und ohne Strom in armen Ländern hergestellt werden kann und die sich die Leute dort für zwei bis drei Tageslöhne leisten können. In der Kategorie Intelligente Vermittlung von Wissen gewinnt ScienceLab, eine Organisation, die Kinder zum Forschen anregt. Beide Organisationen stellen ihre Projekte kurz vor, und besonderes gut gefällt mir die Vertreterin von ScienceLab, sie hat nämlich zwei kleine Experimente dabei und lädt den ganzen Saal zum Mitforschen ein. Beim anschließenden Galadinner sind die Pausen zwischen den Gängen sehr lang. Ich unterhalte mich gut, obwohl ich auch hier niemanden kenne, und es kommt mir gar nicht so lang vor, so dass ich staune, dass es wirklich schon halb zwei ist, als ich das Licht ausmache.

Am Sonntag strahlt die Sonne von einem knallblauen Himmel. Ich bin sehr froh, dass ich mir für die Besichtigung des Hundertwasserturms in Abensberg diesen Termin ausgesucht habe. Wir fahren gut eine Stunde mit dem Bus und werden vor Ort erst durch die Brauerei geführt, bevor wir – nach einen etwas seltsamen Exkurs über den Schlüssel zur Interpretation von Da Vincis Bild Das Abendmahl und noch seltsamerer Begegnung mit ein paar Gartenzwergen, für die der Hundertwasser der Legende nach den Turm gebaut hat – vom 35 m hohen Hundertwasserturm einen fantastischen Blick über die Landschaft und anschließend ein Weißbier im angeschlossenen Biergarten genießen können. Lange verweilen können wir nicht, obwohl das Wetter dazu einlädt, denn der Bus wartet schon, und da wir noch zwei andere Gruppen einsammeln müssen, bevor wir wieder in Regensburg sind, sitzen wir bei schönstem Wetter fast zwei Stunden im Bus. Aber wenigstens die Landschaft, die am Fenster vorbeizieht, ist sehenswert. Zum letzten Stammtisch am Sonntag, dem Nachbrenner, sind dann nicht mehr ganz so viele Leute da, viele sind schon abgereist. Es ist trotzdem eine nette Runde und ein schöner Abschluss. 2018 ist das Jahrestreffen in Aachen. Ich werde wieder dabei sein.

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4 Gedanken zu „Von einer, die auszog, das Weißwurstmachen zu lernen – fünf Tage Regensburg

  1. Das klingt ja alles sehr gut. Als ich gehört hatte, dass das Treffen in Regensburg sein würde, hatte ich gehofft, endlich mal dabei sein zu können, war aber wieder nicht drin.
    Aber irgendwann klappt es sicher.

    • Oh, ich würd mich freuen, dich mal wieder zu sehen. Nächstes Jahr Aachen, übernächstes Jahr Hamburg, ist für dich ja beides nicht grad um die Ecke. Aber ich bin ja jetzt ein bisschen verliebt in Bayern, vielleicht klappt’s auch so herum :)

  2. Sehr schöner und ausführlicher Bericht. Ich hatte etwas über die Fantasy Filmfest Nights gesucht und bin bei Dir gelandet – da haben wir zumindest zwei (oder drei, denn ich stricke auch gerne) Gemeinsamkeiten. ;) Auf den Nights warst Du es wohl, glaube ich, die mich am ersten Tag fragte, ob die Reihen E und F für die Dauerkartenbesitzer seien (ich bin die Asiatin, die ganz am Rand saß).

    Mein letztes JT ist schon so lange her, dass es gerade nicht mehr MV hieß (Hamburg … 2008?). Aber vermutlich laufen wir uns im September im Savoy über den Weg oder auch auf dem Sommerfest. :)

    Ich lasse Dir mal viele Grüße da!

    • Ach, das ist ja lustig! Im September bin ich leider nicht in Hamburg, aber Sommerfest könnte klappen. Viele Grüße zurück!

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